Émilie du Chatelet
Sie war ein wirklich großer Mann
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Die aristokratische Gesellschaft des 18. Jahrhunderts in Paris erwartete von den Frauen, daß sie gebildet und – besonders wichtig – daß sie schön seien. Nur so hatten sie eine Chance auf eine standesgemäße Ehe.
Portrait von Émilie du Chatelet
Gabrielle-Émilie le Tonnelie de Breteuil wurde
am 17. 12. 1706 in diese Gesellschaft hinein
geboren. Leider zeigte sie als Kind keinerlei Anzeichen
für dieses Attribut. Ihr Vater, Protokollchef am Hofe
Ludwigs XIV, schrieb dazu:
Meine Jüngste ist ein wunderliches
Geschöpf, dazu prädestiniert, die hausbackenste
aller Frauen zu werden. Hätte ich nicht eine so geringe
Meinung von verschiedenen Bischöfen, würde ich sie auf
eine religiöse Laufbahn vorbereiten und in einem Kloster
verstecken. Sie ist zweimal so groß wie andere Mädchen
ihres Alters, stark wie ein Holzfäller, unvorstellbar plump,
hat riesige Füße, die man allerdings völlig
vergißt, wenn man ihre enormen Hände sieht.
Bildung statt Ehemann
Ihre Eltern waren also davon überzeugt, daß sie nie einen Ehemann finden würde. Deshalb bekam Émilie die bestmögliche Erziehung, die ihre Eltern ihr geben konnten.
Als sie mit 16 Jahren in die Gesellschaft eingeführt wurde, hatte sie sich zu einer schlagfertigen jungen Dame entwickelt. Obwohl sie mit 1,75 m die meisten Männer ihrer Zeit überragte, war sie doch von strahlender Persönlichkeit und sehr zielstrebig. Außerdem hatte sie eine sehr genaue Vorstellung von ihrem zukünftigen Ehemann: Er sollte älter sein als sie und reich. Dazu sollte er etwas außerhalb von Paris leben; sie wollte dem Hofleben durch ihre Hochzeit entkommen.
Vom Tanzball ins Kaffeehaus
1725 heiratete Émilie den Marquis du Chatelet, einen passionierten Krieger mit ausgedehnten Gütern, obwohl sie nichts gemeinsam hatten.
1726 bekam Émilie eine Tochter, 1727 folgte der erste Sohn. Da sie die Kinder von Gouvernanten und Kindermädchen erziehen ließ, hatte sie viel Zeit, die sie zunächst am Hofe Ludwigs XIV. verbrachte. Da ihr Mann sich oft bei seinen Truppen aufhielt, verbrachte sie die Nächte häufig mit Tanzen und Flirten.
Dabei lernte sie Richelieu kennen, einer ihrer damaligen Liebhaber. Richelieu ermutigte sie, ihre Studien fortzusetzen. Daraufhin stellte Émilie Pierre Louis de Maupertuis als Privatlehrer ein. Maupertuis, und später sein Schüler Alexis-Claude Clairaut, unterrichteten sie in Newtonscher Physik und Mathematik. Von ihnen erhielten Émilie und ihr Bekannter Voltaire, der ab 1734 mit ihr den Unterricht besuchte, die wertvollsten Belehrungen.
Clairauts gesammelte Unterrichtslektionen wurden
später als Élements de
Géometrie
gedruckt.
In den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts entstanden die ersten Kaffeehäuser. Da dort nur Männer und Kurtisanen Zutritt hatten, verkleidete sich Émilie als Mann, um sich dort mit den Gelehrten ihrer Zeit treffen zu können. So traf sie ihre Freunde Maupertuis und Moreau zur Diskussion. Auf diese Weise konnte sie tiefer in den "männlichen Wissenschaftsklüngel" eindringen, als viele Frauen im zwanzigsten Jahrhundert das können.
Als Kind und junge Frau hatte Émilie die Wirbellehre von Descartes studiert. Trotzdem fühlte sie sich mehr von den Lehren von Newton und Leibniz angezogen. Wahrscheinlich waren Maupertuis und Clairaut damals die einzigen Anhänger Newtons an der Französischen Akademie. Émilie und Voltaire ließen sich aber sofort von der neuen Lehre überzeugen. Der Philosoph Voltaire schrieb im Namen der Newtonschen Wissenschaft seine vehementesten Attacken gegen Staat und Kirche.
1733 bekam Émilie ihren zweiten Sohn, der ebenfalls von Kindermädchen erzogen wurde. In diesem Jahr begegnete sie auch Voltaire zum ersten Mal. Da dieser gerade vor der Geheimpolizei ins Exil flüchten mußte, richtete er sich mit Émilie in Cirey, einem der Güter des Marquis du Chatelet, ein. Der Marquis hatte nichts dagegen, daß das Haus auf Voltaires Kosten instand gesetzt wurde, und das frisch verliebte Paar hatte eine Niederlassung. Sie aktualisierten die Bibliothek mit Bänden, die sie aus Paris mitbrachten, und verwandelten den großen Saal in ein Laboratorium. Cirey wurde bald zum Treffpunkt der Gelehrten Frankreichs. Voltaire führte Theaterstücke auf, natürlich mit Émilie in der Hauptrolle. Trotzdem lebten Émilie und Voltaire dort zurückgezogen. Sie widmeten sich ihren Studien und trafen sich regelmäßig mit Maupertuis, Clairaut, Samuel König und anderen berühmten Wissenschaftlern dieser Zeit.
Émilie war unter den Wissenschaftlern bekannt und
respektiert. In den adligen Gesellschaftskreisen, aus denen sie
stammte, wurde sie jedoch nie ernst genommen. Dabei war ihr
Drängen ausschlaggebend dafür, daß Voltaire sich
mehr der Physik und Metaphysik zuwandte. Man erzählte sich
sogar, daß sie sein unvollständiges Manuskript zum
Jahrhundert Ludwig XIV.
versteckt habe, um ihn zum
Studium der Physik zu bewegen.
Auf der Seite der Newtonianer
Als in den dreißiger Jahren das Newtonsche Weltbild die Lehren Descartes langsam verdrängte, gab es in der französischen Akademie der Wissenschaften viele Kontroversen. Émilie stand dabei natürlich auf der Seite der Newtonianer.
Auch Algeretti verteidigte das Newtonsche Weltbild. 1736
kam er nach Cirey, um dort sein Buch Newtonianismus
für die Damen
fertigzustellen. Dadurch inspirierte er
Émilie und Voltaire zu den Elementen der Philosophie
Newtons
, einem populärwissenschaftlichen Buch über
Newtons Theorien. 1738 erschien das Buch, das immer wieder
Voltaire zugeschrieben wird, obwohl Lady Newton
, wie er
Émilie nannte, ihn erst mit den Newtonschen Lehren vertraut
gemacht hatte. Die Kapitel über die Lichtlehre sind zum
Beispiel eindeutig von Émilie, die Schwerkraftkapitel
dagegen tragen eher Volaires Handschrift. Zu diesem Buch hatte
Émilie auch einige Essays geschrieben, die in verschiedenen
wissenschaftlichen Zeitungen abgedruckt wurden und mehr in die
Tiefe gingen.
Im Frankreich des 18. Jahrhunderts war die Physik zwar weit fortgeschritten, die Chemie steckte aber noch in den Kinderschuhen. Den Wissenschaftlern war nicht klar, ob Hitze eine materielle Substanz sei oder eine Form von Energie. Daher wurde 1737 ein Wettbewerb ausgeschrieben, der nach der Natur des Feuers fragte. An diesem Wettbewerb nahm Voltaire teil. Er begann in Cirey mit den Experimenten, bei denen ihm Émilie zur Seite stand. Sie experimentierten mit verschiedenen Massen heißen und kalten Eisens, das beim Erhitzen schwerer werden müßte, falls Hitze stofflich sei. Das konnten sie jedoch nicht beobachten.
Kurz vor Ende des Einsendeschlusses beschloß Émilie, einen eigenen Aufsatz einzureichen. Sie schrieb diesen Beitrag nachts im Geheimen und gab ihn knapp vor Ende der Frist ab. Darin kam sie zu dem Schluß, daß Hitze und Licht die gleiche Substanz seien, die sich in der Bewegung der Teilchen unterscheiden, bei gradlinigen Bewegungen handele es sich um Licht, bei einer unregelmäßigen Bewegung dagegen um Hitze. Außerdem kam sie zu dem Schluß, daß verschiedenen Farben des Lichts verschiedene Mengen entsprechen.
Eine Physik mit beseelten Monaden
Voltaire und Émilie waren davon überzeugt, daß eine von ihnen den Wettbewerb gewinnen würde. Der Preis wurde aber auf Leonard Euler und zwei andere Wissenschaflter aufgeteilt. Trotzdem veröffentlichte die Akademie die Arbeiten von Émilie und Voltaire zusammen mit denen der anderen Gewinner.
1740 veröffentlichte Émilie anonym ihr
nächstes Werk, die Einführung in die Physik
.
Sie war der Ansicht, daß sie ihrem Sohn eine aktuellere
Einführung bieten müßte, als das Standardwerk
von Rohault, das schon über achtzig Jahre alt war. Die
Einführung
war ein umstrittenes Werk. Obwohl sich
Émilie streng an Newtons Physik hielt, behandelte sie darin
auch die Metaphysik von Leibniz mit seinen beseelten Monaden.
Émilie sah darin keinen Widerspruch, solange sich Newton
auf empirische Daten stützte. In diesem Buch beschrieb
Émilie praktisch das gesamte naturwissenschaftliche und
philosophische Wissen ihrer Zeit. Als das Originalmanuskript
bereits genehmigt worden war und der Druck bereits begonnen hatte,
bat sie Maupertuis um Hilfe bei der Überarbeitung des Werkes.
Er kam in Begleitung von König und J. Bernoulli nach
Cirey.
Voltaire und Émilie stellten König dann als
Mathematiklehrer ein. Er begleitete die beiden auch nach
Brüssel, wo Émilie neues Selbstvertrauen durch Lob
und Anerkennung gewann. Daraufhin erzählte sie König,
daß sie die Einführung
geschrieben habe.
Zurück in Paris verriet König, daß Émilie
der Verfasserin der Einführung
sei. Allerdings
behauptete er gleichzeitig, er habe ihr das Buch diktiert.
Die Akademien der Wissenschaften glaubten Émilie zwar,
daß sie die alleinige Verfasserin des Buches war,
rehabilitiert wurde sie aber erst nach ihrem Tod. Émilie
wurde auch von anderen Wissenschafltern – besonders von
Kartesianern – verdächtigt, abgeschrieben zu haben.
Angst und Eifer vor dem Tod
Im Jahre 1745 begann Émilie mit der
Übersetzung von Newtons Prinzipia
, an der sich ein
Jahr später auch Clairaut beteiligte.
Als Émilie 1748 dem Marquis de Saint-Lambert begegnete, verliebten sie sich sofort. Saint-Lambert war ein Armee-Offizier, der zehn Jahre jünger war als Émilie. Als sie ein Jahr später schwanger wurde, überzeugte sie ihren Mann mit der Hilfe von Voltaire und Saint-Lambert davon, daß sie seinen Sohn trug, obwohl der Vater nicht mit Sicherheit bekannt war. Voltaire ordnete das Kind scherzhaft unter Émilies verschiedenen Werken ein.
Émilie rechnete nicht damit, daß sie die Geburt des Kindes überleben würde, da sie schon 42 Jahre alt war. Deshalb arbeitete sie von nun an Tag und Nacht, um die Übersetzung rechtzeitig zu beenden. Sie selbst beschrieb ihren Tagesablauf gegenüber Saint-Lambert so:
Tadle mich nicht für meinen Newton, ich bin schon gestraft genug dafür. Nie habe ich der Vernunft ein größeres Opfer gebracht, als hierzubleiben und ihn zu Ende zu bringen. […] Ich stehe um neun auf, manchmal um acht, arbeite bis um drei Uhr und trinke dann meinen Kaffee. Um vier nehme ich meine Arbeit wieder auf und unterbreche sie um zehn, um ganz alleine eine Kleinigkeit zu essen. Bis um Mitternacht diskutiere ich mit Herrn Voltaire, der mit mir zur Nacht speist. Von Mitternacht bis fünf in der Früh schuffte ich wieder. […] Ich muß es tun, will ich nicht die ganze Fracht meiner Anstrengungen verlieren, falls ich bei der Geburt sterbe. […] Ich vollende das Werk aus Vernunft und Ehrgefühl, aber ich liebe nur Dich.
Bis zur Geburt ihrer Tochter am 4. September hatte Émilie die Übersetzung vollendet und die Kommentare in den Entwurf geschrieben. Sechs Tage später, am 10. September 1749, starb Émilie am Kindbettfieber, ihre Tochter starb wenige Tage nach ihr. 1759, zehn Jahre nach ihrem Tod, wurde das Werk gedruckt. Émilie du Chatelet hat sich in ihrem Leben durchgesetzt. Sie hat sich den Respekt vieler Wissenschaftler verdient. Voltaire schrieb nach ihrem Tode über sie:
Sie war ein großer Mann, dessen einziger Fehler es war, eine Frau zu sein. eine Frau, die Newton übersetzte und deutete. […] mit einem Wort, ein wirklich großer Mann.
Doch auch heute noch ist ihr Verdienst kaum bekannt: In den Biographien über Newton und sein Werk werden die Elemente zwar erwähnt, als Verfasser wird aber oft nur Voltaire genannt.
(Quellen: Margaret Alic, Hypatias
Töchter
; Von der Antike bis zur Neuzeit
– der verleugnete Anteil der Frauen an der Physik
,
Katalog zur Wanderausstellung; diverse Texte aus dem
Internet)
Letzte Änderung:
Wednesday, 02-Apr-2008 19:05:00 CEST,
by
britta
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