Die Falterfrau

Die Lebensgeschichte einer Insektenforscherin und Surinamreisenden

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Portrait von Maria Sibylla Merian

Portrait von Maria Sibylla Merian

Die Kindheit

Bin ich schon nicht mehr da, wird man noch sagen: Das ist Merians Tochter.

Diese Worte soll der Maler und Verleger Matthäus Merian der Ältere 1650 im Sterben zu seiner dreijährigen Tochter Maria Sibylla (*1647) gesagt haben. Eine Ungeheuerlichkeit, wenn man bedenkt, daß er zwei erwachsene Söhne aus erster Ehe hatte, die seinen Namen weiterführen sollten. Matthäus der Jüngere übernahm seinen Verlag, während Caspar Kupferstecher wurde.

Maria Sibylla fing schon früh an zu malen. Ihre Mutter heiratete nach Merians Tod wieder einen Maler, Jakob Morell. Er erfuhr von Maria Sibyllas Talent, als sie eine kostbare Tulpe stahl, um sie zu zeichnen. Der Besitzer der Blume soll auf eine Entschädigung verzichtet haben, unter der Bedingung, daß er die Zeichnung bekomme. Um Maria Sibylla zu fördern, stellte Morell daraufhin einen Lehrer für sie ein, Abrahm Mignon, der selbst vorher bei Morell in die Lehre gegangen war.

Mit dreizehn Jahren besuchte Maria Sibylla eine Seidenspinnerzucht. Diese Insekten faszinierten sie: Die Falter legten Eier, aus denen Raupen krochen und erst nach der Verpuppung wurden daraus wieder Falter. Dieses Erlebnis prägte Maria Sibylla stark, von nun an war sie von einem Forscherdrang beseelt. Sie streifte wohl auch schon vorher durch die Wiesen um Frankfurt herum, um die Natur zu zeichnen. Jetzt aber untersuchte sie die Schmetterlinge, um herauszufinden, ob sie sich auch aus Raupen entwickelten.

Außerdem fing sie an, Schmetterlinge zu züchten. Sie sammelte die Raupen, nahm sie mit nach Hause und fütterte sie, um die Verwandlung zu beobachten. Dabei entdeckte sie, daß jede Art ihre eigene Futterpflanze hat, ohne die die Tiere nicht leben können. Der Falter legt auf dieser Pflanze seine Eier ab, die Raupen ernähren sich von den Blättern dieser Pflanze und verpuppen sich auch dort. Als junge Frau machte Maria Sibylla also eine wichtige Entdeckung über die Wichtigkeit des Lebensraums für jede Schmetterlingsart. Ihre Beobachtungen hält Maria Sibylla schriftlich fest. Sie zeichnete die Tiere in sämtlichen Entwicklungsstadien.

Damit legte sie den Grundstein für ihre Tätigkeit, die sie ein Leben lang ausüben würde. Von ihren Mitmenschen wurde Maria Sibylla nicht verstanden. Insekten und Spinnen galten als Teufelszeug, das aus Dreck entstand. Damit wollte niemand etwas zu tun haben. Auch ihre Mutter nicht, die aus ihr eine brave Hausfrau machen wollte.

Die Ehe mit Graff

1665, mit 18 Jahren, heiratete Maria Sibylla den Städtemaler Johann Andreas Graff, der bei ihrem Stiefvater Morell in die Lehre ging, bevor er fünf Jahre lang Europa bereiste. Diese Hochzeit war kaum eine Liebeshochzeit. Wahrscheinlich war Maria Sibylla der Meinung, daß sie bei einem Maler eher ihrem Hobby, der Malerei, nachgehen konnte.

1668, mit 21 Jahren, bekam Maria Sibylla ihre erste Tochter, Johanna Helena. Als diese zwei Jahre alt war, zog die Familie in die Geburtsstadt Graffs, nach Nürnberg.

Dort ging Maria Sibylla weiterhin ihrer Malerei und ihren Forschungen nach. Außerdem gründete sie dort ihre "Jungfern-Company". Sie selbst unterrichtete dort die Töchter der höheren Schichten in der Malerei und im Sticken. Das war für eine Frau sehr ungewöhnlich.

Außerdem betrieb Maria Sibylla einen Farbenhandel und verkaufte von ihr bemalte oder bestickte Stoffe. Damit besserte sie das Gehalt Graffs auf, der wenig zum Unterhalt der Familie beitrug.

In dieser Zeit entstand das Blumenbuch:
zwölf Blätter mit je einer Blume bzw. einem Blumengebinde. Das Buch diente vor allem als Stickvorlage für die Damen, aber auch Blumen- und Kunstliebhaber kauften das Buch. 1675 erschien der erste Teil, je zwei Jahre später der zweite und der dritte Teil des Florium Fascilus, so der Original-Titel des Buches.

1678 wurde Maria Sibyllas zweite Tochter Dorothea Maria geboren, zehn Jahre nach der Geburt Johanna Helenas.

Kupferstich mit Schmetterlingen

Kupferstich mit Schmetterlingen [D]

In dieser Zeit, also mit 30 Jahren, fing Maria Sibylla an Latein zu lernen. Außerdem begann sie die Arbeit am ihrem Raupenbuch. Auf jeder Seite malte sie die Futterpflanze einer Schmetterlingsart und dazu sämtliche Entwicklungsstadien dieses Falters. Die Zeichnungen stach sie dann selbst in Kupfer. Zu jedem Bild schrieb sie eine Erläuterung, wo sie das jeweilige Tier fand, wie lange es für die einzelnen Entwicklungsstadien braucht und wie die Tiere gefärbt sind. Letzteres war nötig, da nur die wenigsten Ausgaben koloriert waren.

1679 erschien auch dieses Buch mit dem Titel Der Raupen wundersame Verwandlung und sonderbare Blumennahrung.

Im Vorwort verwies sie, als Referenz, noch auf ihren Vater, den berühmten Verleger und Kupferstecher Matthäus Merian den Älteren. Später hat sie das nicht mehr nötig.

Die Tatsache, daß dieses Buch in Deutsch erschien, war ein wichtiger Grund, weshalb die Wissenschaftler sie zunächst nicht ernst nahmen. Doch Lateinisch spricht Maria Sibylla noch nicht.

Trotzdem macht sie wichtige Entdeckungen: Sie teilte die Schmetterlinge in Tag- und Nachtfalter ein; eine Einteilung, die heute noch ihre Gültigkeit hat. Außerdem hatte sie ein Gespür für die ökologischen Zusammenhänge in der Natur. Sie beschrieb einen Falter immer nur zusammen mit seiner Futterpflanze, also in seinem Lebensraum.

Wahrscheinlich fing es in dieser Zeit an, in ihrer Ehe zu kriseln. Maria Sibylla hatte wenig Zeit für ihren Mann, und er hatte seine Liebschaften.

Als ihr Stiefvater Morell starb, zog Maria Sibylla mit ihren Töchtern wieder nach Frankfurt zu ihrer Mutter. Dort veröffentlichte sie 1683 den zweiten Teil des Raupenbuchs. 50 Kupfer hatte sie dafür selbst gestochen.

Um für den Unterhalt ihrer Familie zu sorgen, verkaufte Maria Sibylla in Frankfurt, wie zuvor in Nürnberg, präparierte Schmetterlinge. Denn Morell hatte seiner Frau nur Schulden hinterlassen.

1685 trennte sich Maria Sibylla endgültig von Graff, als sie mit ihrer Mutter und ihren Töchtern nach Holland zog. In der Labbadisten-Gemeinde auf Schloß Waltha lebte auch ihr Bruder Caspar, mit dem sie sich immer sehr gut verstanden hatte. Bei den Labbadisten galten die Frauen als gleichberechtigt. Das war sicher auch ein Grund für ihren Aufenthalt dort. Und sie hatte dort ein Zuhause.

In dieser Kommune mußte sie sich keine Sorgen über die Versorgung ihrer Familie machen.

Auf Schloß Waltha fing sie an, ihre Unterlagen zu sammeln und zu ordnen. Sie schnitt die Skizzen und die Notizen aus und klebte sie zusammen in ein Buch. Dieses Studienbuch begleitete sie überall hin und wurde ständig von ihr ergänzt.

Auf Schloß Waltha erfuhr Maria Sibylla zum ersten mal von der Artenvielfalt Amerikas. Der Besitzer des Anwesens, Lord van Sommeldijk, war Gouverneur in Surinam, einer holländischen Kolonie im Norden von Südamerika. Er besaß eine Ausstellung mit vielen amerikanischen Pflanzen und Tieren. Diese Tiere weckten in Maria Sibylla den Wunsch, nach Surinam zu reisen, um die Schmetterlinge selbst zu beobachten.

1686 starb Maria Sibyllas Bruder Caspar, vier Jahre später ihre Mutter.
Weil sich zu dieser Zeit auch die Labbadisten-Gemeinde auflöste, zog Maria Sibylla mit ihren Kindern nach Amsterdam. Amsterdam war eine Weltstadt, die vielen Schiffe im Hafen brachten fremde Geschichten, Tiere und Pflanzen aus aller Welt nach Europa. Das entfachte natürlich auch Maria Sibyllas Neugier.

Hier eröffnete Maria Sibylla wieder eine Jungfern-Company. Um Geld zu verdienen, handelte sie auch wieder mit Farben und präparierten Insekten, sowohl mit einheimischen, die sie selbst sammelte, als auch mit surinamesischen Insekten. Dieses Geld sparte Maria Sibylla.

1692 heiratete Maria Sibyllas Tochter Johanna Helena den Kaufmann Hendrik Herolt, der mit Surinam Handel betrieb. Auch er wird Maria Sibylla viel von Surinam erzählt haben.

Die Reise nach Surinam

1699 hatte Maria Sibylla das Geld für die Reise endlich zusammen. Mit Dorothea Maria brach sie, 52jährig, nach Surinam auf.

Aber dort erwarteten sie mörderische, schwüle Hitze, Wespen und riesige Kakerlaken, die alles fraßen, was ihnen in den Weg kam.

Doch für ihre Mühen wurde sie belohnt:
In Surinam gab es ungeheuer viele Pflanzen und Tiere. Die Schmetterlinge waren einer schöner gezeichnet als der andere und die Blumen verströmten einen herrlichen Duft.

Maria Sibylla und ihre Tochter wohnten in einer Hütte an der Küste, an der Zuckerrohr angebaut wurde.
Zuerst erkundeten Maria Sibylla und Dorothea Maria die nähere Umgebung der Hütte. Sie sammelten die Raupen und Pflanzen, die sie dort fanden, aber auch Schlangen und Leguane faszinierten Maria Sibylla.

Wegen der Hitze mußte sie die Tiere sofort präparieren, damit sie nicht verschimmelten. Auch eine abgeschnittene Blume, das fanden die Frauen schnell heraus, verwelkte sofort. Viele der lebend gesammelten Raupen gingen auf dem Heimweg ebenfalls ein.

Nach einem halben Jahr besuchten die Merians die Farm der Familie Sommeldijk. Diese 65 km entfernte Farm lag am Rande des Dschungels. Von dort unternahmen die Frauen ihre Vorstöße in den Regenwald. Bei ihren Ausflügen wurden sie von Sklaven begleitet, die ihnen den Weg freischlugen.

Maria Sibylla interessierte sich sehr für die Lebensweisen der Sklaven. Sie rief die Weißen auf, die Sklaven freizulassen oder sie wenigstens besser zu behandeln. Auch für die Indianer zeigte Maria Sibylla großes Interesse. Von ihnen ließ sie sich viele Insekten zeigen. Die Indianer stellten ihr auch die Früchte der Tropen vor: Maria Sibylla probierte Ananas, Grapefruit und Bananen. Diese Früchte beschrieb sie auch in ihren Notizen.

Der Lebensabend in Amsterdam

Als Maria Sibylla 1701 an Malaria erkrankte, mußten sie und Dorothea Maria Surinam verlassen.

In Amsterdam veranstaltete Maria Sibylla eine Ausstellung der Präparate aus Surinam. Und sie plante bereits ein neues Werk. Dieses Buch über die Tier- und Pflanzenwelt Surinams sollte ein Prachtband werden. Die 60 Kupferstiche sollten in Großfolio (50 cm × 70 cm) erscheinen.

Um das Geld dafür zu verdienen, handelte sie wieder mit Insekten aus Surinam. Dabei unterstützten sie ihre Töchter und deren Männer, Dorothea Maria hatte inzwischen den Schiffsarzt Phillip Hendriks geheiratet.

Auch bei Maria Sibyllas Surinambuch standen die Falter wieder im Vordergrund eines jeden Bildes. Doch bei diesem Werk verzieren auch Schlangen, Spinnen, Leguane oder Käfer die Bilder. Um die Tiere und Pflanzen zu beschreiben, greift sie auf Vergleiche mit europäischen Tieren und Pflanzen, z.B. Quitten, zurück.

Dieses Buch erscheint in Holländisch und in Lateinisch. Bei der Übersetzung half ihr Caspar Commelin, ein befreundeter Botaniker, der auch viele der Pflanzen klassifizierte.

Um die Entwürfe in Kupfer zu stechen, mußte Maria Sibylla drei Kupferstecher einstellen. Sie brauchten drei Jahre dafür. Damit sie die Kupferstecher bezahlen konnte, nahm sie Vorbestellungen an und akzeptierte sogar Ratenzahlungen.

Aber 1705 hatte sie es geschafft:
Das Raupenbuch mit dem Titel Metamorphosis Insektorum Surinamensium erschien.

In den Jahren 1714/15 erschienen auch die ersten beiden Teile des Raupenbuchs, das sie auf Holländisch übersetzt hatte.

1717, zwei Jahre nach dem sie einen Schlaganfall erlitten hatte, starb Maria Sibylla Merian.

Ihre Tochter Dorothea Maria sorgte für ihr Andenken:
Im Herbst 1717 erschien auch der dritte Teil des Raupenbuchs auf Holländisch.

Maria Sibylla Merian hat es geschafft, ohne eine höhere Bildung wissenschaftliche Arbeit zu leisten und dafür anerkannt zu werden. Das erkennt man auch daran, daß ihre Bücher immer wieder veröffentlicht wurden, eine Auswahl aus den Raupenbüchern erschien z.B. 1986 in den Bibliophilen Taschenbüchern Nr. 331, Dortmund.

(Quelle: Charlotte Kerner: Seidenraupe, Dschungelblüte; Die Lebensgeschichte der Maria Sibylla Merian, Beltz Verlag, 1988)

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Letzte Änderung: Wednesday, 02-Apr-2008 19:07:47 CEST,
by britta@net.t-labs.tu-berlin.de