Der Noether
über die Mathematikerin Emmy Noether
Inhalt überspringen zur Navigation
Der Name Noether ist eigentlich allen MathematikerInnen und PhysikerInnen durch die Noether'schen Ringe, bzw. die Noether'schen Theoreme bekannt. Aber wer war "dieser Noether" eigentlich?
Emmy Noether als junge Frau
Amalie Emmy
Noether wurde am 23. März
1882 in Erlangen geboren. Ihr Vater war der jüdische
Mathematik-Professer Max Noether, ihre Mutter war Ida Noether,
geborene Kaufmann. Außerdem hatte Emmy noch drei
jüngere Brüder: Alfred (1883–1918), Robert
(1889–1928) und Fritz (1884–1941), der ebenfalls
Mathematiker wurde.
Emmys Kindheit verlief zunächst völlig normal
für ein Mädchen: sie besuchte acht Jahre lang die
Höhere Töchter Schule
in Erlangen, wo sie
eine (für Mädchen) traditionelle Ausbildung im
Kochen, Nähen und in Fremdsprachen erhielt. Nach drei
weiteren Jahren privater Sprachstudien legte sie dann die
Bayrische Staatsprüfung für Lehrerinnen in Englisch
und Französisch
ab. Das war zu Ostern im Jahr 1900.
Unterrichten konnte Emmy danach allerdings nicht: als Jüdin
war ihr das zwar nicht verboten, aber selbst die staatlichen
Schulen dieser Zeit waren entweder katholisch oder evangelisch
orientiert und das Lehrpersonal mußte natürlich der
selben Konfession angehören.
Deshalb bildeten sich viele Jüdinnen nach dem Examen
weiter. Meistens studierten die jungen Frauen Jura oder Medizin,
Emmy dagegen schrieb sich in Erlangen für Mathematik, Physik
und Philosophie als Gasthörerin ein. Im Juli 1903 legte
sie dann als Externe
das Abitur an einem Nürnberger
Gymnasium ab. Damit hatte sie die reguläre Zulassung zu einem
Universitätsstudium, was für Frauen selten war. Die
meisten Frauen mußten deshalb viele Zusatzprüfungen
ablegen, um studieren zu können.
Emmy entschied sich 1903 allerdings zu einem Studium in
Göttingen, der damaligen Hochburg
der Mathematik.
Im Gegensatz zu Bayern waren in Preußen aber noch keine
Frauen zu einem regulären Studium zugelassen. Dies wurde
erst ab 1908 möglich. Emmy schrieb sich also wieder als
Gasthörerin ein und mußte als Frau die Erlaubnis der
einzelnen Dozenten einholen, wenn sie an deren Veranstaltungen
teilnehmen wollte. Da sie meist nur die Erlaubnis bekam,
Vorlesungen zu hören, konnte sie keine Seminare besuchen.
Nach dem Wintersemester 1903/04 wurde Emmy allerdings krank
und ging wieder nach Erlangen zu ihrem Vater zurück. dort
setzte sie ihr Studium im Wintersemester 1904/05 fort und
promovierte dort bei Paul Gordan 1907 mit einer Arbeit über
die Invariantentheorie mit summa cum laude
.
Damit hatte Emmy auch das Gebiet, auf das sie sich
spezialisieren wollte, gefunden: die Algebra. Jedoch ihre
Methoden änderte sie später noch: in ihrer Dissertation
rechnete sie noch sehr konkret mit bestimmten Funktionen und
Abbildungen herum, in dem Anhang ihrer Doktorarbeit behandelte
sie 331 spezielle Invarianten. Diese Arbeit bezeichnete sie dann
später auch als Rechnerei
, Formelgestrüpp
oder sogar als Mist
und wußte angeblich nicht einmal
mehr, wo diese Arbeit erschienen war. Doch auf diese Art forschte
auch Gordan, der sie bei ihrer Dissertation angeleitet und betreut
hatte.
1908 wurde Emmy in den Circolo matematico di Palermo gewählt, eine große Ehre für jemanden der (bzw. die) erst ein Jahr zuvor promoviert hatte. 1909 folgte dann die Aufnahme in die renommierte "Deutsche Mathematikervereinigung", auf deren Jahresversammlung in Salzburg sie als erste Frau einen großen Vortrag hielt. Während dieser Zeit arbeitete sie weiter am mathematischen Institut in Erlangen, sie half zum Beisiel bei der Betreuung von Doktoranden, allerdings ohne Anstellung und damit auch ohne Bezahlung. In dieser Zeit und auch später noch wurde sie nur von ihrem Vater finanziell unterstützt und lebte sehr sparsam.
Nachdem Emmy im Jahre 1913 ihren Vater in Erlangen
vertreten hatte, wurde sie 1915 von David Hilbert, der sie
für eine Spezialistin für die Invariantentheorie
hielt, und Felix Klein nach Göttingen gerufen. Da sich
die Zusammenarbeit mit Hilbert und Klein als sehr fruchtbar
erwies, blieb Emmy weiter in Göttingen, allerdings auch hier
ohne Ansellung oder Vertrag. Trotzdem hielt sie hier –
auch ohne Lehrbefugnis – viele Vorträge über
algebraische Themen, abstrakte Mengentheorie oder Differential-
und Integralgleichungen. Diese hielt sie meist unter dem Namen
von Hilbert, so lautete zum Beispiel eine ihrer Veranstaltungen:
Invariantentheorie: Prof. Hilbert mit Unterstützung von
Frl. Dr. Nöther, Montag 4–6, gratis
.
In diesem Jahr stellte Emmy, obwohl die preußische Habilitationsordnung ausdrücklich keine Frauen zur Habilitation zuließ, auf Drängen von Hilbert und Klein einen Antrag zur Habilitation. Damit lösten diese eine Diskussion zur Habilitation von Frauen aus, obwohl sie eigentlich nur einen Dispens von der gültigen Habilitationsordnung forderten:
Zum Beispiel schieb der Göttinger Historiker Karl Brandi 1907 in seiner Stellungnahme:
Außerdem bin allerdings auch ich der Meinung, […] daß die bisherige wissenschaftliche Produktion der Frauen es keinesfalls rechtfertige, schon jetzt eine so tief in das Wesen der Universitäten eingreifende Änderung vorzunehmen, – sondern auch wiederholt zum Ausdruck zu bringen, daß sehr viele von uns prizipiell den Eintritt der Frauen in den Organismus der Universitäten als eine Beeinträchtigung des menschlichen und moralischen Einflusses des männlichen Universitätslehrers auf ihre bis dahin leidlich homogene Zuhörerschaft betrachten. Ich wenigstens muß gestehen, daß ich schon in dem gemischten Auditorium eine Beschränkung der für unsere Tätigkeit so absolut notwendigen vollkommenen Unbefangenheit empfinde, daß ich vollends in Seminarstunden nicht verzichten möchte, auf den freundschaftlichen Ton rückhaltloser Aussprache und rückhaltlosen Vertrauens. Unser Unterricht soll ein persönlicher sein und deshalb liegt in der Einheit des Geschlechts nach meiner Überzeugung eine Bedingung seiner vollen Wirkung.
Der Philosoph Edmund Hussel bestätigte seine Meinung:
Daß nun ein junger Mensch, der sich einmal für die Wissenschaft entschieden und eine tüchtige Erstlingsschrift erziehlt hat, sich in der Regel weiter entwickelt, zu einer immer Neues und Besseres leistenden wissenschaftlichen Persölichkeit – das ist allgemeine Erfahrung. Für das weibliche Geschlecht haben wir die Erfahrung nicht. Junge Damen bringen es wohl zu ansprechenden Dissertationen; daß sich aber die soweit Gekommenden – normaler Weise – stetig weiter entwickeln, zu regelmäßig fortarbeitenden und berufsmäßig leistenden Forscherinnen, dafür fehlen allgemeine Erfahrungen. Eine gleich tüchtige wissenschaftliche Arbeit (als
Habilitationsschriftgedacht), begrüdet demnach bei einem jungen Mann und einer jungen Dame nicht dieselben Hoffnungen: in einem Falle die positive Lehrerpersönlichkeit, im anderen Falle nicht. Bei dem jetzigen Stande unserer erfahrungsmäßigen Kenntnis der weiblichen Charakteranlagen in der fraglichen Hinsicht können also jungen Damen als aussichtsvoller Nachwuchs für den Lehrkörper noch nicht gelten, die Habilitation kann ihnen unter gleichen Bedingungen wie jungen Männern nicht zugebilligt werden.
Natürlich hatte Emmy aber auch Fürsprecher: Hilbert und Klein zum Beispiel unterstützten sie auf allen Ebenen. Hilbert schrieb beispielsweise in seinem Gutachten zu Emmys Habilitation:
Die eingereichte Habilitationsschrift kennzeichnet sich somit als die gelungene Ausführung eines Teiles des großen Programms, das ich seinerzeit hinsichtlich der Endlichkeitsfragen aufgestellt habe. […] eine besondere Freude hatte ich, als es Frl. Neother gelang, eine kürzlich von mir aufgestellte Vermuthung betreffend die Endlichkeit eines Systems von unendlich vielen Grundformen als richtig streng zu beweisen. Diese Leistung zeigt, eklatant, daß Frl. Noether im Stand ist, sich den Zugang zur Lösung eines von anderwärts her vorliegenden besonders schwierigen Problems zu erzwingen. Ihre vielseitige Gewandtheit, formentheoretische Methoden auf scheinbar ganz abliegende Fragen anzuwenden, zeigt die Kandidatin in einer gerade fertig abgedruckten Arbeit über die allgemeinsten Bereiche aus ganzen transzendenten Zahlen, so wie in weiteren gegenwärtig noch nicht abgeschlossenen Untersuchungen.
Trotzdem kam es zunächst nicht zu einer Habilitation von Emmy Noether.
1918 jedoch wurde die Diskussion über die Habilitation von Frauen wieder aufgenommen, da das zuständige preußische Ministerium darüber nachdachte, Frauen zur Habilitation zuzulassen. Bezeichnender Weise gab in dieser Zeit nicht Hilbert oder Klein sondern Einstein den Anstoß für Emmy, erneut einen Antrag auf Habilitation zu stellen.
Er schrieb deshalb am 27. Dezember 1918 in einem Brief an Klein:
Beim Empfang der neuen Arbeit von Frl. Noether empfand ich es wieder als grosse Ungerechtigkeit, dass man ihr die venia legendi (die
Lehrbefugnis, Anm. d. Autorin) vorenthält. Ich wäre sehr dafür, dass wir beim Ministerium einen energischen Schritt unternähmen. Halten Sie dies aber nicht für möglich, so werde ich mir allein Mühe geben.
Natürlich mußte Einstein sich nicht allein Mühe geben. Mit der Fürsprache von Einstein, Hilbert, Klein und anderen (Göttinger) Mathematikern bekam Emmy diesmal ihre Habilitation, sogar als eine von fünf Frauen, die vor dem offiziellen Erlaß des Ministers habilitiert wurden.
Portrait von Emmy Noether
Allerdings bekam Emmy auch jetzt, trotz einer Anstellung als
nicht-beamtete außerordentliche Professorin
kein
Gehalt, sondern lebte weiter von der Unterstützung ihres
Vaters und nach dessen Tod im Jahr 1921 von ihrem kleinen
Erbe. Erst als dieses fast aufgebraucht war, erhielt sie im
Sommersemester 1923 einen auf ein Semester befristeten,
gering dotierten Lehrauftrag, der jedes halbe Jahr erneuert werden
mußte.
Wider Erwarten war dies nicht der Anfang von Emmys Karriere, sondern eher das Ende:
1932 erhielt sie zwar noch mit Emil Artin den wichtigen Ackermann-Teubner-Gedächtnis-Preis, – dies war der einzige Preis, den sie je bekam – aber schon ein Jahr später wird ihr die Lehrbefugnis von den Nazis wieder entzogen. Dies hatte zwei Gründe: Sie war Jüdin, das allein hätte wohl schon gereicht, um sie auszuweisen, aber außerdem war sie auch noch Pazifistin und engagierte sich in der USPD und der SPD. Damit gehörte sie zu den sechs ersten DozentInnen der Göttinger Universität, die von den Nazis vertrieben wurden.
Nach der Machtübernahme durch die Nazis wanderte Emmy aus. Obwohl sie auch Verhandlungen mit Oxford und sowjetischen Universtäten führte, folgte sie dem Ruf an das Frauen-College Bryn Mawr in Pennsylvania, dem "Schwestern-College" von Princeton, da Bryn Mawr ihr als einziges eine feste Zusage machen konnte. Sie erhielt dort eine Anstellung und hielt in dieser Zeit auch Gastvorträge in Princeton.
1934 fuhr Emmy noch einmal zurück nach Deutschland, um dort ihren Haushalt aufzulösen. Dies war ihr letzter Besuch in Deutschland, 1935 starb sie überraschend bei einer Tumor-Operation.
Emmys Tod traf die WissenschaftlerInnen der ganzen Welt. Sie
galt schon zu Lebzeiten als eine der wichtigsten MathematikerInnen
ihrer Zeit. Respektvoll wurde sie oft auch der Noether
genannt, was allerdings auch an ihrem Auftreten und ihrem Aussehen
lag: da Emmy nie eine feste Anstellung hatte und immer sehr
sparsam leben mußte, aß sie aus Sparsamkeit vor allem
Pudding, wodurch sie dick wurde. Außerdem trug sie nur
unförmige, immer gleiche Kleider und klobige Schuhe.
Trotzdem: Emmy Noether hat die Welt der Wissenschaft, besonders die der Mathematik und Physik, durch ihre abstrakte Betrachtung der Algebra verändert.
(Quellen: Peter Pilz, Cornelia Oedekoven, Gaby Zinsmeister (Hg.): Forschende Frauen – Frauen verändern die Naturwissenschaften und diverse Internetseiten, besonders www.mathematik.uni-wuerzburg.de/Noether/)
Letzte Änderung:
Wednesday, 02-Apr-2008 19:10:15 CEST,
by
britta
net.t-labs.tu-berlin.de