Die "Drachen-Lady"
… oder die Zerstörung eines Naturgesetzes
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Portrait von Chien Shiung Wu
In China war es bis in die vierziger Jahre hinein üblich, den kleinen Mädchen die Füße einzubinden. Das bedeutete, daß ihnen die Zehen unter die Füße gebunden wurden; teilweise bis ihnen diese abfaulten.
In dieses China wurde Chien-Shiung Wu am 31. Mai 1912 geboren. Ihr Vorname, Chien Shiung, bedeutet couragierte Heldin, und ihre Eltern wußen, daß sie diese Erwartung erfüllen würde.
Ihr Vater – eigentlich ein Ingenieur – war seit der Revolution von 1911 Rektor einer Grundschule in Liuhe, an der auch Chiens Mutter unterrichtete.
Chien hatte das Glück, daß ihre Eltern sehr fortschrittlich waren, sie legten keinen Wert darauf, der kleinen Chien die Füße einzubinden. Im Gegenteil, ihre Eltern waren der Meinung, daß auch Mädchen eine gute Ausbildung bekommen sollten. Die Mutter von Chien fuhr sogar in die Nachbardörfer, um die Menschen dort davon zu überzeugen, ihren Töchtern nicht die Füße einzubinden.
Nach ihrer Grundschulzeit ging Chien nach Suzhou, um dort das
Mädchen-Gymnasium zu besuchen.
Auf dieser Schule gab es einen naturwissenschaftlichen und einen
allgemeinbildenden Zweig. Chien entschied sich für den
allgemeinbildenden Zweig, der die Schülerinnen auf eine
Laufbahn als Lehrerin vorbereiten sollte, und machte dort 1930 ihr
Abitur.
Trotzdem entdeckte sie während dieser Zeit ihr Interesse an den Naturwissenschaften. Deshalb versuchte ihr Vater, sie zum Studium der Physik an der National Center University in Nanjing zu überreden. Chien aber hatte Bedenken, da sie in der Schule nur den allgemeinbildenden Unterricht, nicht aber den naturwissenschaftlichen, mitbekommen hatte. Deshalb kaufte ihr ihr Onkel Mathematik- und Physikbücher, mit denen sie bis zum Beginn des Semesters ihr Defizit aufarbeiten konnte.
Ab Herbst 1930 besuchte Chien also die Elite-Universität Chinas in Nanjing, wo sie 1934 den Bachelor of Science machte. Allerdings war es damals in China nicht möglich, in Physik zu promovieren. Auch diesmal konnte Chien ihr Onkel helfen: Er war Busunternehmer und hatte gute Beziehungen ins Ausland. Dadurch ermöglichte er ihr ein weiterführendes Studium in den USA.
Ursprünglich hatte Chien vor, in Michigan (dort gab es zu dieser Zeit viele chinesische StudentInnen) ihren Doktor zu machen, um danach nach China zurückzukehren und dort ihr Wissen dem Land zur Verfügung zu stellen. Aber es kam alles ganz anders:
Zunächst erfuhr Chien, daß in Michigan damals keine Studentinnen in das Verbindungshaus gelassen wurden. Deshalb beschloß sie dann, in Berkley zu studieren.
Als aber 1937 die Japaner in den zweiten Weltkrieg eintraten, brach Chiens Kontakt zu ihrer Familie ab. Sie war sich dadurch nicht mehr sicher, was sie tun sollte, aber sie hatte in dem letzten Jahr viele Freunde am College gemacht. Diese unterstützten sie in dieser Zeit und überredeten sie, trotzdem weiter zu studieren.
In dieser Zeit zeigte sich eine weitere Eigenschaft von Chien, ihre Genauigkeit bei ihren Messungen. Als sie 1940 ihren Ph.D. in experimenteller Kernphysik machte, sagten ihre Betreuer über sie, daß sie niemals irgendwelche Fehler mache.
In ihrer Promotion untersuchte sie dabei den Zerfall von Uran, genauer die Röntgenstrahlung der Edelgase, die beim β-Zerfall entstehen.
Ende der dreißiger Jahre interessierte sich
natürlich der Geheimdienst für diese Forschung.
Deshalb wurde die Examensarbeit sofort als geheim eingestuft und
Chien "durfte" am Manhatten-Project teilnehmen, das die erste
Atombombe entwickelte. Chiens Arbeitsgruppe entwickelte dort neue
Detektoren.
In dieser Zeit lehrte sie am Smith College und an der Princeton
University. 1944 fing sie dann an die Columbia University, wo sie
die meiste Zeit ihres wissenschaftlichen Lebens verbrachte.
Aber vorher, im Jahre 1942, heiratete sie Luke Yuan. Luke war ebenfalls Teilchenphysiker und genauso enthusiastisch wie sie selbst. Beiden war klar, daß sie zu Gunsten ihrer Karrieren lieber einige Zeit getrennt lieben wollten, als eine gute Stelle ausschlagen zu müssen.
Obwohl Chien mittlerweile eine renommierte Physikerin war, bekam sie erst 1952 eine feste Stelle als außerplanmäße Professorin an der Columbia, zwölf Jahre nach ihrer Promotion.
1945 kapitulierten die Japaner und Chien konnte endlich wieder mit ihrer Familie Kontakt aufnehmen. Trotzdem blieb sie weiter in den USA, wo sie 1947 den Sohn Vincent Yuan bekam. Er wurde übrigens später auch Physiker.
Neun Jahre später, 1956, wurde Luke zu einer Vorlesungsreihe nach Asien und Europa eingeladen. Chien wollte ihn natürlich begleiten. Aber zu dieser Zeit entwickelten in Princeton zwei Physiker und gute Freunde, Tsung-Dao Lee und Chen-Ning Yang, eine Theorie, nach der das Gesetz der Paritätserhaltung beim β-Zerfall verletzt würde.
Obwohl Lee und Yang selbst nicht an ihre Überlegungen glaubten, erzählten sie Chien davon, da sie den Ruf hatte, sehr präzise Messungen durchzuführen.
Chien packte also ihre Koffer wieder aus und ließ ihren Mann allein nach Asien fahren. Sie selbst richtete sich im "National Bureau of Standards" ein und entwickelte einen Versuchsaufbau, um Lees und Yangs Vermutungen zu überprüfen.
Dort entwickelte sie einen Versuchsaufbau, bei dem sie Cobalt 60 bei sehr tiefen Temperaturen einem Magnetfeld aussetzte und beobachtete die Verteilung der emittierten Elektronen, bzw. ihrer Spins. Dadurch bestätigte sie sie Überlegung ihrer Kollegen, die selbst nicht daran glauben wollten.
Leider entstanden während der Versuchsreihe von Chien Gerüchte über ihren Erfolg und einige Physiker versuchten, ihren Erfolg zu wiederholen. Es gelang Leon Ledermann in einem besser ausgestatteten Labor, kurz vor ihr seine Ergebnisse zu veröffentlichen, sodaß er den wissenschaftlichen Beifall bekam.
Wie wichtig die Überlegungen von Lee und Yang und die Bestätigung von Chien (, Ledermann und anderen) war, sieht man auch daran, daß Lee und Yang für ihre Untersuchung schon 1957 den Nobelpreis bekamen. Chien selbst war sehr enttäuscht darüber, daß sie leer ausging. Dabei stellt sich die Frage, warum Chiens Leistungen nicht gewürdigt wurden. Wahrscheinlich lag es daran, daß sie "nur" Experimentalphysikerin war. Außerdem waren zu dieser Zeit AsiatInnen in den USA generell nicht gern gesehen. Trotzdem hat das Nobelpreiskommitee auch vorher Frauen, die an wichtigen Entdeckungen beteiligt waren, aus verschiedensten Gründen nicht berücksichtig, wie auch bei Lise Meitner geschehen.
Chiens Arbeit wurde aber trotzdem belohnt: Ihre Versuche zur Paritätsverletzung waren nur ein kleiner Teil ihrer Untersucheungen zur schwachen Wechselwirkung.
Fermi hatte 1934 seine Theorie zur schwachen Wechselwirkung aufgestellt, die im Widerspruch zu einigen Empirischen Ergebnissen stand. Mit Hilfe von Chiens Forschungen konnte die Theorie modifiziert werden.
Außerdem ermöglichten ihre Experimente zur elektromagnetischen und zur schwachen Wechselwirkung deren Vereinheitlichung zur elektroschwachen Wechselwirkung.
Während dieser Zeit wurden Chien viele Preise verliehen, zum Beispiel wurde sie 1958 in die "National Acadamy of Sciences" gewählt und erhielt dort als erste Frau 1964 den "Comstock Award". 1975 wurde sie die erste weibliche Präsidentin der "American Physical Society". Außerdem bekam sie 1978 den "Wolf Prize in Physics", der in Israel verliehen wird. Dies ist aber nur ein kleiner Auszug aus der Liste ihrer Ehrungen.
Zeichnung von Chien als junge Frau
Ende der sechziger Jahre wechselte Chien in die medizinische
Forschung, um dort ihre Forschungsergebnisse aus der Kernphysik
anwenden zu können, denn sie glaubte, daß even the most sophisticated end seemingly remote
basic noclear physics research has implications beneficial to
human welfare.
Chien forschte bis 1981 am β-Zerfall in den verschiedenen Zusammenhängen. Sie starb am 16. Februar 1997.
Chien hat in ihrem Leben Großes geleistet, die Zeitugen nannten sie die "Queen of Physics", und die New York Post schrieb über sie:
This small modest woman was powerful enough to do what armies can never accomplish; she helped destroy a law of nature. An laws of nature, by their very definition, should be constant, continuous, immutable, indestructable. [… she had] ruled out the Law of Parity, which had originally asserted that all processes in nature take place as if the whole set up were mirror reserved. She also confirmed the Conservation of Vector Current, which states that the weak force used in beta decay is related to electromagnetic forces.
Trotzdem hat Chien in dieser Zeit nie ihre Herkunft vergessen, sie las chinesische Literatur, hörte chinesische Musik und liebte (Wer nicht?) chinesisches Essen. Außerdem trug sie am liebsten Cheongsams, die bequemere chinesische Kleidung.
Darüber hinaus war sich Chien sehr wohl über ihre Stellung als Frau in der Physik bewußt, sie sagte einmal – die USA und China vergleichend – darüber:
[…] it is shameful that there are so few women in science […] In China there are many, many women in physics. There is a misconception in America that women scientists are all dowdy spinsters. This is the fault of men. In Chinese society, a woman is valued for what she is, an men encourage her to accomplishments – yet she retains eternally feminine.
Letzte Änderung:
Wednesday, 02-Apr-2008 19:11:36 CEST,
by
britta
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